Leseprobe Band 4
© Jonathan Philippi 2014
MAGIX

Das Geheimnis des Schlangentöters

Der geheimnisvolle Laden und sein Schaufenster

Kurz vor Mitternacht lag die Stadt verlassen da. Sachte wehte ein warmer Wind vom Atlantik. Dutzende quadratische Fahnen mit dem Logo der Insel flatterten in der Finsternis. Ihr Knattern war neben dem Schlagen der Seile gegen die Masten das einzige Geräusch. Zu dem ursprünglich hellblauen Himmel in den Flaggen, dem dunkelblauen Meer und der grünen Dünenlandschaft hatten sich zahlreiche Farbvarianten in Gelb, Grün und Kupfer hinzugeschmuggelt. Die beiden Jungs warteten auf das Erlöschen der Laternen über der Marina in Mary’s Town. Die meisten Shops hatten bereits geschlossen, sodass sich auf der breiten Holzpromenade und auf der Straße kaum noch jemand aufhielt. „Hey, es ist null Uhr“, raunte der eine. „Ja und?“ „Dann sollen doch die Lichter ausgehen.“ „Mann, jetzt warte doch.“ „Ja, ja. Aber der Troll hat doch gesagt, er will Strom sparen.“ „Christopher, du Birne. Hast du wenigstens alles dabei?“ Als Antwort ertönte ein schweres Klimpern. „Gut.“ Mit vier Minuten Verspätung verblassten die Lampen. Der von den Schaufenstern gespendete Lichtschein tauchte die Holzstege und die Fußgängerzone in einen sanften gelblichen Schimmer. „Huch, hab ich mich erschrocken.“ Übertrieben zuckte Christopher zusammen. „Blödmann.“ „Los.“ „Spinnst du? Er ist noch drinnen.“ Das Fenster, das die zwei Burschen im Blick hatten, war noch erleuchtet. Hinter braunem Packpapier, das die Scheiben von innen zum größten Teil bedeckte, herrschte emsige Geschäftigkeit. Zwischen den Ritzen verrieten hin- und herhuschende Schatten die Hektik dahinter. Vorsichtig schlichen sie sich heran und spähten durch einen Schlitz. „Da, Rouwe, wie ich gesagt habe, Chinesen“, zischte Christopher. „Scheiße! Inder, Asiaten, Mexikaner, Kubaner. Wer kommt noch alles hierher?“ Rouwe spuckte auf den Boden vor sich in den Sand. „Hab doch glatt die Nazis vergessen.“ „Das Nazipack auf der Farm. Mit dem hab ich noch mehr als eine Rechnung offen.“ Christopher rieb sich sein Kinn, das Steven Seidel vor wenigen Tagen getroffen hatte. „Wenn ich diese deutsche Sau in die Finger kriege!“ Ein Geräusch ließ sie aufhorchen. Jemand riss die Papiere ab. Im letzten Moment wichen die Jungs zurück. Sie stolperten und fielen übereinander. „Pass doch auf, Dödel!“ „Rouwe, du liegst auf mir, nicht ich auf dir.“ „Mensch Christopher, du bist aber auch zu gar nichts zu gebrauchen.“ „Geh runter von mir!“, beschwerte sich Christopher und trat nach Rouwe. Sie rollten sich zur Seite, über den Holzsteg unter eine Hecke, die das Geschäft von dem Nachbarhaus trennte. Ein Stoß von Rouwes Ellbogen beendete Christophers Kichern. Die beiden zuckten zusammen, als die Tür aufflog und der Chinese seinen Laden verließ. Er sah sich um, zog ein eisernes Gitter herunter und sperrte es ab. Ständig um sich schauend, stampfte der kleine dicke Mann zum Parkplatz, den der Bürgermeister hatte anlegen lassen. Die happigen Parkgebühren füllten die klamme Stadtkasse kräftig auf. Bis zum Frühjahr war das Parken kostenlos gewesen. Mühsam kletterte der Ladenbesitzer in einen übergroßen Van und fuhr langsam, fast geräuschlos, davon. An der Marina erloschen allmählich die letzten Lichter. Rouwe und Christopher warteten noch eine Minute, dann krochen sie aus ihrem Versteck. Bis auf das Zirpen der Zikaden, die dieses Jahr besonders heftig schrillten, war es still. „Geh nachschauen“, verlangte Rouwe. „Warum ich?“ „Weil ich der Boss bin.“ „Harry ist der Boss.“ „Harry ist out, Rouwe ist in!“ Er schlug seinem Kumpan mit der Faust gegen die Stirn. „Hast du das immer noch nicht kapiert?“ „Lass das, du Pfeife.“ „Selber.“ „Geh du doch.“ „Du sollst nur nachsehen, was da los ist.“ „Was soll los sein? Übermorgen öffnet er, und da drin sind Souvenirs.“ „Wie kommst du darauf?“ Christopher zerrte seinen Kameraden auf die Straße und leuchtete mit der Taschenlampe über die Eingangstür: Mary Island Gift Shop. „Na, kannst du lesen?“ „Wieso denkst du, dass sein Laden morgen noch steht, du Gipsbirne?“ „Ach so, hihi, unsere Mission. Hatte ich vergessen!“ „Wenn die Schlitzaugen sich hier auch noch breitmachen ... Die Mütze!“, kam Rouwe plötzlich in den Sinn. Hastig streifte er eine Wollmütze über den Kopf, die nur zwei Schlitze für die Augen freiließ. „Hey, ich seh nichts mehr!“, beschwerte sich Christopher und streckte die Arme aus wie ein Blinder, der ziellos umhertastete. „Du bist so ein Idiot!“, seufzte Rouwe und zog seinem Kumpel die Skimütze vom Kopf. „Andersherum, die Sehschlitze nach vorne.“ Gluckernd sprudelte es aus Christopher heraus: „Weiß ich doch, der war witzig, oder?“ „Furchtbar.“ „Da, guck!“ Christopher Banner zupfte sich seine Maske zurecht und richtete den Lichtkegel seiner Lampe auf die Glasscheibe. „Was ist das denn?“ Rouwe hielt den Kopf schief, als könne er nicht glauben, was er sah. „Eine Figur aus Holz.“ „Seh ich selber, Arschgeige.“ „Was fragst du dann, du Rindvieh?“ „Halt die Klappe, da kommt jemand.“ Die beiden rannten erneut hinter die Hecke. Ein Motorrad näherte sich. Der Fahrer parkte direkt vor dem Souvenirladen und stoppte den Motor, stieg ab und zog den Helm aus. „Noch mehr Mondgesichter!“, flüsterte Christopher Banner. „Halt endlich die Fresse.“ „Ist ja gut, Mann!“ Sie pressten sich knapp über den Erdboden und beobachteten den Motorradfahrer in der dunklen Lederkluft, der den Scheinwerfer seines Bikes in das Schaufenster scheinen ließ. Er beugte sich nahe an das Glas, nahm ein Telefon aus seiner Jackentasche und wartete. „Wow, eine Harley, geiles Teil!“ „Chris, wenn du nicht gleich dein Maul hältst, stopfe ich es dir damit zu!“ Rouwe ballte in seiner Faust feuchte Blumenerde zu einem Klumpen. Der Fremde sprach ein paar unverständliche Worte, bevor er das Mobile einsteckte und sich den Helm überzog. Mühsam wuchtete er die Maschine herum und starrte genau auf die Jungs. „Scheiße, er sieht uns!“, stammelte Christopher aufgeregt. „Er erkennt uns!“ „Wir haben Masken an, du Idiot!“, fauchte Rouwe, der bereits nach einer Fluchtmöglichkeit suchte. Augenblicklich startete der Mann sein Bike und preschte mit Vollgas durch das nächtliche Städtchen. Christopher Banner sprang auf die Straße und brüllte dem Mann hinterher: „Hey! Hey, Arschloch. Was willst du?“ „Bist du bekloppt?“, versuchte Rouwe seinen Freund zu bremsen. Es war zu spät, in den umliegenden Fenstern gingen die Lichter an. „Was ist los?“, rief ein Anwohner. Rouwe zerrte seinen Kumpel in eine Lücke zwischen den Häusern. „Da, sie sind dort!“, rief der Mann erneut. Christopher und Rouwe hechteten über einen Bretterzaun in die Dunkelheit. Ohne sich umzudrehen, rannten sie weiter, bis Rouwe abrupt bremste und gerade noch verhindern konnte, vorne überzukippen. Christopher Banner prallte gegen ihn, und beide flogen in hohem Bogen über die Kante in das Hafenbecken. „Nein!“ „Scheiße!“ Spuckend und schnaufend planschten sie im Wasser. „Hey, alles klar?“, rief jemand vom Ufer. „So eine Kacke! Sheriff Anderson!“ Christophers Stimme überschlug sich fast. „Die Mütze runter, du Trottel.“ „Ja, ja. Aber dann gehe ich unt...“ Christopher tauchte Sekunden später grunzend auf. Rouwe zog seinen Kompagnon am Kragen nach oben. „Er hat uns, Rouwe.“ „Na und, Chris, solange wir die Schnauze halten, passiert uns nichts. Hierher, hier sind wir.“ „Ach, und ich soll die Klappe halten?“ „Was macht ihr denn da?“ „Ein Motorradfahrer. Er ist da lang!“, prustete Rouwe. „Wie?“ „James, deswegen sind wir ja wach geworden“, erklärte ein älterer Mann, der dazugekommen war. „Darum habe ich angerufen.“ „Jack Capman?“ Mr. Anderson wandte sich zu einem Mann um. „Kannst du mir das hier erklären?“ „Das hier nicht, nur, dass mich das Bike geweckt hat. Ich meine, was sucht so einer nach Mitternacht in der Fußgängerzone?“ „Und da hast du mich gleich alarmiert?“ „Hätte ich das nicht tun sollen?“ „Schon gut!“ Mr. Anderson winkte ab. „Du bist noch in Uniform, James?“ „Ich gehe die restlichen Anzeigen durch, die die letzten Tage wegen der Juwelendiebstähle eingetrudelt sind. Ich wollte allerdings gerade Feierabend machen.“ Immer mehr Schaulustige drängten sich am Kai. „Eine Harley, es war ganz bestimmt eine Harley“, rief Rouwe aus dem Wasser und versuchte, auf der Stelle zu treten. „Sollten wir nicht einen Rettungsring werfen?“, fragte eine Frau. „Wozu? Dann würden wir sie ja retten, Ellie!“, zischte Herman Wellmill. Ein weiterer Mann trat nach vorne und betrachtete die Szene. „Henry Miller, du auch hier? Was ist denn das für eine Versammlung, Leute?“ Der Polizist drehte sich im Kreis. „James!“, begrüßte ihn Mr. Miller, während er einen rot-weißen Styroporring aus dem Halter riss und den Burschen zuwarf. Sofort balgten sich die beiden. „Das ist meiner!“ „Nein, meiner. Lass los!“ „Fick dich, du Arsch!“ „Chris, wenn ich hier raus bin, bist du fällig!“ Henry Miller zog den Ring an dem Seil zu sich. „Das mit der Harley stimmt, James“, bestätigte Jack seelenruhig, als wäre es ganz natürlich, dass zwei Jungs in den Hafen sprangen und sich an Land ziehen ließen. „Eine ‚Evolution Sportster 73 ci‘, wahrscheinlich Ende der 80er-Jahre gebaut. Ein seltenes Stück.“ „Hast du es gesehen?“ „Gerade noch, als die zwei Helden da abgehauen sind. Aber ich habe sie gehört. Ich wollte schon immer so eine haben. Ein Klassiker! So röhrt nur ein Motorrad auf der Welt.“ „Okay, und was hat der Kerl darauf getan?“ Inzwischen war Rouwe Kruger an Land geklettert. Christopher hechelte hinterher. Als er endlich auf der Kaimauer stand, klimperte und schepperte es. „Was ist das?“, fragte Mr. Anderson. Christopher scharrte mit den nassen Schuhen über ein Brecheisen, einen Schlagring und ein Butterflymesser. „Ähm, keine Ahnung, das muss irgendwie, also ich ...“, stotterte er. „Er ist darüber gestolpert, das lag da!“, half Rouwe seinem Freund aus der Patsche. „Ah, verstehe, also, Rouwe?“ James Andersen baute seine imposante Statur vor den Halbstarken auf. „Der Kerl ist auf uns los, da sind wir geflohen.“ „Und sonst?“ „Ähm, nichts.“ „Was macht ihr denn um diese Uhrzeit hier draußen?“ „Es ist so heiß und ...“, stammelte Rouwe. „Da dachtet ihr, ein Bad würde guttun?“ „Na ja, das war mehr ... ein Unfall.“ „Ein Unfall, klar doch. Rouwe Kruger. Ich schlage vor, du trollst dich heim, und pass auf, dass ich dich nicht noch einmal erwische.“ „Ja, Sir.“ „Christopher Banner? Ab nach Hause, aber sofort.“ „Ja, Sir.“ „Und ihr auch.“ Mr. Anderson wandte sich an die Schaulustigen, die sich rasend vermehrt hatten. „Was ist mit dem Rocker?“, fragte Henry Miller. „Nur weil er ein Motorrad fährt und diese beiden Halunken in den Hafen schubst, ist er noch kein Verbrecher, eher ein ... Rächer!“ Herman Wellmill hustete vor Lachen. Die Menschenmenge zerstreute sich laut diskutierend. Vor dem Souvenirgeschäft wartete der Polizeiwagen mit sich drehenden roten und blauen Lichtern. „Ist ein Chinese gewesen!“, brüllte Christopher hastig und empfing dafür eine Kopfnuss von Rouwe. „Au, was soll das denn? Arschloch!“ „Wenn die sich hier breitmachen, kommt die ganze Bande hinterher“, brummte Henry Miller und legte seine Hand auf Rouwes Schulter. „Wenn wir nicht aufpassen, haben wir bald die Triaden am Hals.“ Anderson winkte ab. „Nur weil dein Kumpel Dave den Laden nicht bekommen hat, brauchst du nicht noch eine Menschenjagd zu veranstalten, haben wir uns verstanden, Henry?“ „Auch du wirst es eines Tages einsehen.“ Der Polizist beugte sich zu seinem Funkgerät. „Hier Sheriff James Anderson von Mary Island. Falls euch eine Harley Davidson Evolution auffällt, untersucht die Papiere des Fahrers.“ „Vergiss nicht, ein Chinese!“ „Henry, du nervst. Okay Leute! Ein Asiat hat hier ein bisschen Radau gemacht, ist aber nichts weiter passiert.“ „Nichts passiert?“ Rouwe tapste näher zu dem Wagen. „Ich habe gesagt, geht nach Hause, Kinder.“ „Hey, Rouwe?“ Christopher zerrte ihn am Arm weg. „Was ist noch?“ „Da, guck.“ Rouwe Kruger starrte auf das Schaufenster. Die Figur darin war verschwunden.
Mary Island